Wir trauern um Barbara Frischmuth.

Mit ihr verliert Österreich eine seiner größten Autorinnen, wir bei den manuskripten verlieren unsere älteste und treueste Freundin.

Barbara Frischmuth begleitete unsere Zeitschrift seit ihrer Gründung vor 65 Jahren. Mit Alfred Kolleritsch war sie sogar schon davor in engem Austausch. Sie gehörte jenem legendären Grazer Zirkel rund um die Urania an, dessen Mitglieder sich Ende der 1950er gegenseitig die von Schulen und Universitäten ignorierte modernere Literatur näherbrachten. Barbaras Fachgebiet war, wie sie auch in späteren Jahren gerne erzählte, das Werk Else Lasker-Schülers.
Die Zeitschrift reflexe, die sie gemeinsam mit Peter Straschek 1959-1960 herausgab, mag mit ihrem „weit über das Regionale hinausgehenden Anspruch“ (Alfred Kolleritsch) sogar als Inspiration für die manuskripte gedeutet werden.
Im Laufe der Jahre schenkte sie der Zeitschrift knapp 50 Beiträge, deren formale Vielfalt (Gedichte, Essays, Erzählungen, Romanauszüge, Fabeln, Reden …) die enorme Vielseitigkeit ihres so umfangreichen literarischen Werkes spiegelt. Ihr erster Text für die manuskripte erschien in Ausgabe 5, ihr jüngster in der aktuellen Ausgabe 247 (eine Erzählung aus ihrem zeitgleich bei Residenz erschienenen Buch „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“). Auch das Profil des von Hans Roth 2011 gestifteten rotahorn-Preises prägte sie als Jury-Mitglied durch ihr scharfsinniges Urteil und ihre prägnanten Formulierungen in den Jurybegründungen wesentlich mit.

Am meisten habe ich an Barbara Frischmuth immer ihren Mut bewundert. So gelang es ihr etwa schon als Teenagerin, sich in den damals fast ausschließlich männlich dominierten intellektuellen Kreisen von Graz Respekt zu verschaffen. Und mit nicht einmal Zwanzig studierte sie – als einzige Frau – Türkisch an der Atatürk Universität in Erzurum in Ostanatolien (s. den Roman Das Verschwinden des Schattens in der Sonne, Aufbau 2000).
Ebenso unerschrocken entdeckungsfreudig zeigte sich die Autorin in der Wahl ihrer literarischen Formen. Auf die frühen radikal experimentellen Texte folgte der Bestseller Die Klosterschule, später erfand sie gleich mehrere Gattungen neu, darunter die Feengeschichte (Die Mystifikationen der Sophie Silber) oder auch das Gartenbuch, das dem hochaktuellen umweltpolitischen Engagement bzw. Nature Writing ihres Spätwerks den Weg ebnete.
Immer wieder wagte sich Barbara Frischmuth – gerade mit ihren Tierfabeln, ihren Puppenspielen und Jugendbüchern – über den Horizont ihrer Peer Group hinaus, oft genug gelang es ihr, den weiteren, toleranteren Blick, der mit ihrer avantgardistischen Risikofreude einherging, einem breiteren Publikum nahezubringen.

Die österreichische Literatur verdankt Barbara Frischmuth viel mehr, als ihr bislang bewusst ist.
Oder, wie Alfred Kolleritsch über seine enge Freundin sagte: „Mit ihrer Welt weitete sich auch die unsere aus.“

Andreas Unterweger, 31.03.2025